Podiumsdiskussion: 2020 – Wie werden wir arbeiten?
Ein Blick in die Glaskugel
Was erwartet uns in der Zukunft? Wird der Bedarf an qualifizierten Frauen in den nächsten 10 bis 15 Jahren so steigen, dass keine Firma es sich mehr leisten kann, auf eine Frauenquote zu verzichten? Arbeiten wir nur noch in Projektteams, die je nach Projekt ständig wechseln? Wird sich eine ungeahnte Welt der Möglichkeiten auftun?
Oder arbeiten wir in wenigen Jahren alle „vogelfrei“ nach dem Hire-and-Fire-Prinzip, ohne Vertrag und Kündigungsschutz? Werden unsere Jobs in Billiglohnländer ausgelagert, und müssen wir arbeiten, bis wir 75 sind, um uns einigermaßen über Wasser zu halten?
Moderatorin
Angelika Knop (Freie Journalistin und Sprecherin des Journalistinnenbundes in München)
Teilnehmerinnen
Dr. Sina Brühbach-Schlickum (Marktforscherin und Geschäftsführerin von Combinat 56, dem ersten Coworking Space in München)
Prof. Dr. Marina Fiedler (Lehrstuhl für Management, Personal und Information, Universität Passau)
Elfriede Kerschl (IHK für München und Oberbayern, Referatsleiterin “Volkswirtschaft, Fachkräfte, Demografie”)
Katrin Neuendorf (Senior Human Resource Manager, Microsoft Deutschland GmbH)
Adriana Olivotti (Coaching für Frauen, Inhaberin von “Raum für Technik”)
Ein Blick in die Glaskugel
Was erwartet uns in der Zukunft? Wird der Bedarf an qualifizierten Frauen in den nächsten 10 bis 15 Jahren so steigen, dass keine Firma es sich mehr leisten kann, auf eine Frauenquote zu verzichten? Arbeiten wir nur noch in Projektteams, die je nach Projekt ständig wechseln? Wird sich eine ungeahnte Welt der Möglichkeiten auftun?
Oder arbeiten wir in wenigen Jahren alle „vogelfrei“ nach dem Hire-and-Fire-Prinzip, ohne Vertrag und Kündigungsschutz? Werden unsere Jobs in Billiglohnländer ausgelagert, und müssen wir arbeiten, bis wir 75 sind, um uns einigermaßen über Wasser zu halten?
Schlagwort der Zukunft: Flexibilität
Das Beispiel Microsoft zeigt, wie Arbeiten auf Basis einer flexiblen Vertrauensarbeitszeit funktionieren kann. Anstelle der Arbeitszeiterfassung steht die Erreichung von Zielen, die in einem Entwicklungsplan festgelegt werden. Anwesenheitstermine im Unternehmen wie Meetings oder Kundengespräche wechseln mit Homeoffice-Zeiten – vor allem für Arbeitnehmer/innen mit Familie ist das ein attraktives Modell.
Allerdings, und das ist die andere Seite der Medaille, kann es auch zur Belastung werden, wenn die Grenzen zwischen Büro und Zuhause verwischen und man an sieben Tagen der Woche rund um die Uhr erreichbar ist. Wer sich hier nicht abgrenzt, bei dem ist der Burn-out vorprogrammiert.
Ein weiteres Problem: In vielen Unternehmen wird seit Jahrzehnten über flexiblere Arbeitszeiten diskutiert, aber bisher ist nicht viel passiert. Dazu braucht es einen Bewusstseinswandel darüber, wie Unternehmen geführt werden sollen. Wären mehr Frauen in Führungspositionen, so hätte sich vermutlich schon einiges zugunsten der Frauen geändert. Die Frage ist: Wann kommt der Quantensprung, damit sich die Dinge wirklich grundlegend verändern?
Fachkräftemangel als Chance
Eine große Chance, den Quantensprung auszulösen, bietet der derzeitige Fachkräftemangel. Frauen haben die Möglichkeit, Führungspositionen zu erlangen, weil es dafür an Männern fehlt. Und die Unternehmen müssen flexibler werden, um über die Mitarbeiterzufriedenheit qualifizierte Fachkräfte an sich zu binden. Dazu gehören Unterstützungsprogramme wie Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeiten, Work-Life-Balance-Beratung, aber auch ganz individuelle Lösungen.
Die Belegschaften werden dank des Fachkräftemangels nicht nur weiblicher, sondern auch älter werden. Zum einen fehlen die jungen Nachwuchskräfte, zum anderen können es sich immer weniger Unternehmen leisten, auf das Expertenwissen und die Erfahrung der Älteren zu verzichten. Auch hier ist mehr Flexibilität gefragt: Weiterbildungsmaßnahmen müssen, wenn sie effizient sein sollen, besser auf die älteren Mitarbeiter abgestimmt sein. Auch treten ältere Arbeitnehmer, was Arbeitszeit und Aufgabenbereiche angeht, gerne einen Schritt zurück. Die Unternehmen müssen also auch hier flexibel reagieren können.
Virtuelle und reelle Arbeitsgemeinschaften
In Zukunft wird es demnach alle möglichen Formen der Arbeitszeitgestaltung geben. Dass diese Flexibilisierung in anderen Bereichen bereits gang und gäbe ist, zeigt sich bei Selbstständigen und Freiberuflern. Wissensarbeiter und Selbstständige haben mehr Möglichkeiten, virtuell und ortsunabhängig zu arbeiten und zu kommunizieren. Neue technologische Tools machen neue Formen der virtuellen Zusammenarbeit möglich. Allerdings bleibt die Face-to-Face-Kommunikation nach wie vor wichtig. Die Vernetzung mit anderen und der Aufbau eines eigenen Netzwerks klappen erfahrungsgemäß am besten, wenn sich die Netzwerker persönlich kennen.
Das zeigt sich auch beim Coworking. Als Arbeitsmodell der Zukunft schaffen die Quasi-Bürogemeinschaften Bürostrukturen für Freiberufler und steuern so der unbefriedigenden Vermischung von Home und Office entgegen. Aber Coworking Spaces sind mehr: Sie bieten eine informelle Plattform, um sich mit anderen Freiberuflern auszutauschen, zu kooperieren und neue Netzwerke zu bilden.
Pro Quote, pro bessere Bezahlung
Um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, ist eine Quotenregelung unumgänglich. Offensichtlich braucht es den Druck von außen, damit sich überhaupt etwas verändert. Aber Frauen sollten darüber hinaus auch besser bezahlt werden. Wie kann das erreicht werden?
Ein viel beobachtetes Phänomen ist das sinkende Gehaltsniveau in Bereichen, in denen mehr Frauen tätig sind. Überspitzt ausgedrückt bedeutet die Feminisierung eines Berufszweigs gleichzeitig seine Prekarisierung.
Grund dafür ist sicher auch, dass Frauen tendenziell weniger fordern als Männer. Sie erledigen ihre Arbeit, weil sie Spaß daran haben und um der Sache willen, aber nicht, weil ein höheres Gehalt locken könnte. Hier liegt es an den Frauen, endlich das zu fordern, was ihnen zusteht.
Auf in die Zukunft!
Die Zukunft der Arbeit ist weiblicher, älter und individueller. Wie sollen sich also Frauen für die neue Arbeitswelt positionieren?
Große Chancen bietet der Weg in die Selbstständigkeit. Dazu braucht es Mut zur Gründung, den Willen, eigene Ziele durchzusetzen und sich mit kreativen Ideen und Dienstleistungen von der Konkurrenz abzusetzen. Wer seine Geschäftsnische gefunden hat, sollte nicht nur vom eigenen Angebot überzeugt sein, sondern auch als Expertin in diesem Bereich auftreten. Deshalb ist es notwendig, sich ständig weiterzuentwickeln und weiterzubilden.
Aber auch für die Angestellten in den Unternehmen wird die Zukunft andere, neue Arbeitsformen bringen, die wir heute noch gar nicht kennen. Die Firmen werden mehr auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter eingehen und maßgeschneiderte Lösungen anbieten können und müssen.
Doch egal, welchen Weg Frau wählt: Es wird in Zukunft noch wichtiger, sich mit anderen Frauen zu vernetzen und sich über Jobs, Geld und Chancen auszutauschen.
Protokoll: Marina Burwitz